Zum letzten Mal aktualisiert am
"Wir müssen bei den Energiepreisen nicht gleich in den Panikmodus verfallen"
Interview mit Lex Delles im Luxemburger WortInterview: Luxemburger Wort (Thomas Klein)
Luxemburger Wort: Lex Delles, der Ölpreis steigt wegen des Kon flikts im Nahen Osten deutlich. Droht ein Energieschock wie 2022?
Lex Delles: Die Situation ist heute eine ganz andere als 2022 nach Beginn des Ukrainekriegs. Damals war Europa stark von einem einzigen Lieferanten abhängig, nämlich Russland. Die se Abhängigkeit haben wir seitdem deutlich reduziert und unsere Energieversorgung stärker diversifiziert. Hinzu kamen damals eine Reihe weiterer Faktoren, die sich auf die Energiepreise auswirkten. In Frankreich gab es große Probleme mit den Atomkraftwerken, sodass Deutschland viel Gas eingesetzt hat, um Strom zu produzieren und nach Frankreich zu exportieren. Dadurch stieg der Gasverbrauch in Europa erheblich - und damit auch die Preise. Heute ist die Ausgangslage eine andere. Europa hat zahlreiche LNG-Terminals gebaut, und die Gasreserven sind nach diesem Winter höher als im Winter 2021/2022. Trotz der aktuellen Spannungen sehen wir derzeit kein Problem bei der Versorgung mit Öl oder Gas.
Luxemburger Wort: Damals wurde eine ganze Reihe Unterstützungsmaßnahmen beschlossen. Das haben Sie jetzt vorerst ausgeschlossen. Was müsste denn passieren, dass Sie erneut finanzielle Hilfen in Erwägung ziehen?
Lex Delles: Wir dürfen jetzt nicht gleich in einen Panikmodus verfallen. Der Dieselpreis ist in den vergangenen Wochen zwar gestiegen, aber wir sind noch weit von der Situation von 2022 entfernt. Damals lag der Preis etwa 40 bis 50 Cent pro Liter höher als heute. Gleichzeitig waren auch Gas und Strom massiv teurer geworden. Im Moment sehen wir noch keinen Einfluss auf die Gaspreise oder auf die Strompreise. Das liegt auch daran, dass Luxemburger Energieversorger ihre Gaslieferungen über einen Zeitraum von drei Jahren im Vor aus einkaufen. Deshalb wäre es zu früh, jetzt schon zu sagen, wir ergreifen diese oder jede Maßnahme, wenn dieses oder jenes geschieht. Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, den Gas- oder Strompreis zu deckeln, wenn es da noch gar keine Preiserhöhungen gab. Natürlich verfolgt die Regierung die Entwicklung sehr genau. Aber derzeit gibt es weder von der Europäischen Kommission noch von der Internationalen Energieagentur Hinweise auf eine Situation, die mit der von 2022 vergleichbar wäre.
Luxemburger Wort: Luxemburg beteiligt sich an der Freigabe strategischer Ölreserven und gibt selbst rund 8.000 Barrel aus eigener Reserve frei. Auf den Preis dürfte der Luxemburger Beitrag keinen Einfluss haben. Das ist also mehr ein symbolischer Akt?
Lex Delles: Diese Entscheidung ist Teil einer koordinierten Aktion der Internationalen Energieagentur. Die 32 Mitgliedstaaten mussten zunächst einstimmig entscheiden, ob sie bereit sind, ihre strategischen Reserven freizugeben. Wir haben zugestimmt, weil es eine starke Nachfrage aus den Mitgliedsländern gab. Das wollten wir nicht blockieren. Luxemburg fördert selbst kein Erdöl und ist Nettoimporteur. Deshalb sind Reserven wichtig, um im Fall einer Unterbrechung der Lieferketten die Versorgung weiterhin sicherstellen zu können. Luxemburg verfügt derzeit über Reserven für rund 93 Tage. Ein Teil davon befindet sich auf dem nationalen Territorium, ein größerer Teil wird in Anlagen im Ausland gelagert. Im Rahmen der koordinierten Maßnahme der Internationalen Energieagentur wurde anschließend beschlossen, weltweit bis zu 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven freizugeben, um die Märkte zu stabilisieren. Luxemburg hat dieser Initiative aus Solidarität zugestimmt. Gleichzeitig haben wir deutlich gemacht, dass wir uns in einem sehr begrenzten Umfang beteiligen - konkret mit einer Menge, die etwa einem Tag unserer nationalen Reserven entspricht, also rund 8.000 Barrel. Letztlich muss man auch betonen, dass, auch wenn jetzt die Preise steigen, im Moment nicht zu befürchten ist, dass es morgen kein Benzin mehr an der Tankstelle gibt - wir haben kein Versorgungsproblem.
Luxemburger Wort: Sowohl die Pandemie als auch der Ukraine krieg haben für Schocks in den Lieferketten gesorgt. Jetzt droht der nächste Engpass. Immer war die Rede davon, Europa und Luxemburg müssten resilienter werden. Warum fällt uns das so schwer?
Lex Delles: Die Energiepreise werden nicht von einer nationalen Regierung festgelegt. Sie entstehen auf internationalen Märkten oder durch geopolitische Konflikte wie den aktuellen im Nahen Osten. Um resilienter zu werden, muss Europa seine Energieversorgung stärker diversifizieren und den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen. In Luxemburg haben wir beispielsweise neue Möglichkeiten geschaffen, einfacher Windkraftanlagen zu bauen, etwa näher an Autobahnen oder in Aktivitätszonen, also dort, wo der Strom auch verbraucht wird. Außerdem erleichtern wir Investitionen in Fotovoltaik, etwa durch Modelle zur Vorfinanzierung. Zusätzlich unterstützen wir Elektromobilität und Ladeinfrastruktur. Wer etwa ein Elektroauto mit einer eigenen Photovoltaikanlage kombiniert, macht sich ein Stück weit unabhängiger von internationalen Energiepreisen und von Entscheidungen, die nicht in Europa getroffen werden.
Luxemburger Wort: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat zuletzt gesagt, die Abkehr von der Kernenergie sei ein strategischer Fehler gewesen. Braucht Europa mehr Atomkraft, um sich unabhängiger zu machen?
Lex Delles: Wenn wir über Resilienz sprechen, müssen wir auch fragen, wo die Rohstoffe herkommen. Uran, das in Atomkraftwerken verwendet wird, kommt nicht aus Europa. Wir würden also eine Abhängigkeit nur durch eine andere ersetzen. Auch bei den sogenannten Mini-Reaktoren gibt es bislang kein kommerziell funktionierendes Modell. Ich bin aus zwei Gründen gegen Kern kraft: Erstens die Frage der Sicherheit. Wenn ein Windrad umfällt, na dann ist es umgefallen. Wenn ein Kernkraftwerk explodiert, dann haben wir ein paar hundert Jahre lang ein Problem. Zweitens, die Frage der Endlagerung radioaktiver Abfälle. Zu mir kam noch niemand, der mir gesagt hätte: Wenn Sie einen Mini-Reaktor bauen, können Sie bei mir im Garten das Endlager für die radioaktiven Abfälle errichten. Solange nicht geklärt ist, wo und wie dieser Abfall über sehr lange Zeiträume sicher gelagert werden kann, sehe ich Atomenergie nicht als Lösung. Natürlich kann man Forschung in diesem Bereich unterstützen. Aber für uns bleibt der zentrale Weg der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien - ergänzt durch Investitionen in Speichertechnologien.